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Eine Strategie für globale bAV-Risiken – Teil 1


Autor: Isabelle Sfeir

 

Die jüngste Finanzkrise hat zu erheblichen Unterdeckungen bei einer Vielzahl von betrieblichen Altersversorgungsplänen geführt. Dies hat bei vielen Unternehmen den Eindruck erweckt, dass sie zwar prinzipiell die Möglichkeit haben, ihre Pensionsrisiken zu reduzieren – aber nur wenn sie es sich denn leisten könnten. Multinationale Unternehmen befinden sich dabei in einer besonderen Lage: Für sie besteht nach wie vor die Notwendigkeit, insgesamt zu verstehen, wo die Verbindlichkeiten und Risiken genau liegen, bevor daran gedacht werden kann, sie effizient zu steuern.

Warum ist das Risikomanagement von Pensionsplänen ein so wichtiges Thema?

Nicht immer haben multinationale Unternehmen einen Großteil ihrer Verpflichtungen aus leistungsorientierten (DB-)Pensionsplänen in den Ländern, in denen sie ihren Hauptsitz haben. Dennoch können hohe Verbindlichkeiten in ihren konsolidierten Abschlüssen bestehen, die auf ihre Pensionspläne im Ausland zurückzuführen sind.


Das durchschnittliche Niveau der von Unternehmen gezahlten Pensionsleistungen variiert je nach Land deutlich. Es hängt normalerweise auch vom Niveau der vor Ort gezahlten staatlichen Renten ab. In Ländern, in denen die staatlichen Renten niedrig sind, fällt die betriebliche Altersversorgung in der Regel höher aus. 


Darüber hinaus konnten wir in den letzten Jahren weltweit verstärkte Anstrengungen zur Durchführung von Rentenreformen beobachten. Zu diesen Bemühungen gehört oftmals die verstärkte Nutzung kapitalgedeckter Systeme, die von der Privatwirtschaft verwaltet werden, um den Staat von diesen Verpflichtungen zu entlasten – ein Trend, der sich wahrscheinlich weiter fortsetzen wird.


Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie viel die staatlichen und betrieblichen Renten jeweils zur durchschnittlichen Ersatzrate (Rente im Verhältnis zum Endgehalt) in verschiedenen Ländern beitragen. Die Tabelle vergleicht die Länderangaben mit einer Zielvorgabe von 70%.

Quelle: OECD

Betriebliche Renten sind insbesondere in UK, den USA und den Niederlanden sehr ausgeprägt. Auch in Kanada, Island und Dänemark sind betriebliche Systeme relativ stark verbreitet. Multinationale Konzerne, die in diesen Ländern tätig sind, dürften ein erhebliches Pensionsrisiko haben.

In den letzten Jahren hat die Sorge um die Steuerung multinationaler Pensionsrisiken hauptsächlich aus den folgenden vier Gründen zugenommen:

- Höhere Volatilität bilanzieller Verbindlichkeiten aufgrund von Änderungen der internationalen Rechnungslegungsvorschriften
- Höhere Kosten und Verbindlichkeiten infolge der gestiegenen Lebenserwartung
- Höhere Unterdeckung der Pensionsverbindlichkeiten aufgrund der Kursrückgänge an den Aktienmärkten
- Rückgang der Liquidität in den Unternehmen

Änderungen der internationalen Rechnungslegungsvorschriften

Das frühere Modell, das Pensionspläne als von den Unternehmen unabhängige Einheiten ansah, ist durch geänderte Rechnungslegungsvorschriften in der Weise überholt worden, dass Aktiva und Passiva von Pensionsplänen nun eindeutig als Teile der Finanzzahlen der Unternehmen angesehen werden. Seit 2005 müssen alle börsennotierten europäischen Unternehmen die International Financial Reporting Standards für ihre konsolidierten Jahresabschlüsse übernehmen (IAS 19 Bilanzierung von Leistungen für Arbeitnehmer).


FRS 17 (aus dem Jahre 2000) ist der in UK auf Pensionspläne anzuwendende Rechnungslegungsstandard. Er war der erste wichtige Rechnungslegungsstandard, der den sofortigen Ausweis von versicherungstechnischen Gewinnen und Verlusten in der Bilanz verlangte (d.h. Marktbewertungsansatz für Pensionsverpflichtungen). Dieser Ansatz schafft einen einheitlichen Unternehmenswert (siehe Grafik). Dadurch haben Veränderungen des Pensionsvermögens oder der Pensionsverbindlichkeiten einen direkten Einfluss auf den Wert des Unternehmens. 


In UK hat man sich schneller dazu entschlossen, DB-Pläne für den Zuwachs weiterer Leistungsansprüche zu schließen, Risiken über Derivate abzusichern und die Übernahme des Planes durch eine Versicherung (Buy-Out) in Erwägung zu ziehen. Dies liegt offenbar auch daran, dass sich die Unternehmen in UK früher auf die Grundsätze der Marktbewertungsmethode nach FRS17 einstellen mussten als die Unternehmen, die nach FAS und IAS bilanzierten.

Gestiegene Lebenserwartung

Die Bevölkerung wird immer älter und der Trend zu einer höheren Lebenserwartung dürfte sich weiter fortsetzen. Die Folgen hinsichtlich der Kosten, der Angemessenheit der Leistungen und der Notwendigkeit eines späteren oder flexiblen Eintritts in den Ruhestand dürften weit erheblicher sein als wir es uns derzeit vorstellen. Wenn beispielsweise bei einem Pensionsplan mit einem Volumen von 300 Mio. Euro die tatsächliche Lebenserwartung ein Jahr höher als erwartet ist, so beziffern sich die finanziellen Auswirkungen auf ca. 10 Mio. Euro. Veränderte Lebenserwartungen können also selbst für Pensionspläne mittlerer Größe ein echtes Problem darstellen. In Ländern, in denen die prognostizierte Lebenserwartung in die Berechnungen einbezogen ist, dürften allein die Veränderungen in den letzten 10 Jahren zu einem Anstieg der Pensionsverbindlichkeiten um mehr als 10% geführt haben.

Höhere Unterfinanzierung von Pensionsplänen aufgrund der Kursrückgänge an den Aktienmärkten

Im Jahr 2008 haben private Pensionsfonds 23% ihres Wertes verloren, was der astronomischen Summe von US$ 5,4 Billionen in den 30 Ländern entspricht, die Mitglieder der OECD sind (einschließlich USA, Japan, Australien und den meisten westeuropäischen Länder).


Die nachfolgende Tabelle zeigt den Anlageerfolg betrieblicher Pensionspläne in 22 Ländern. Sie weist die reale Anlagenrendite nach Berücksichtigung der Inflation in den Ländern aus, in denen Pensionsfonds der betrieblichen Altersversorgung über erhebliche Vermögen verfügen.

Diese starken Unterschiede bei den Anlagerenditen erklären sich durch die unterschiedlichen Anlagestrategien, die die Pensionsfonds verfolgen. Die Aktienmärkte in den OECD-Ländern fielen in 2008 alle um etwa 45%. Staatsanleihen stiegen tendenziell, wobei der Index internationaler Anleihen in 2008 um mehr als 7% zulegte. Diese Vermögenswerte stellen zusammen mit Einlagen bei Kreditinstituten und Immobilien die wesentlichen Anlageformen von Pensionsfonds dar, auch wenn das Mischungsverhältnis insbesondere von Anleihen und Aktien unterschiedlich gewesen ist.


Die nachfolgende Grafik vergleicht den Anteil von Aktienportfolien Ende 2007 mit der Anlagerendite in 2008. Vor der Krise machten Aktien den größten Anteil an den Portfolien der Pensionsfonds in den englischsprachigen Ländern aus. Sowohl der Aktienanteil – etwa zwei Drittel – als auch die Anlageverluste waren in Irland am höchsten. Mehr als die Hälfte der Portfolien in Australien, Kanada, UK und den USA war ebenfalls in Aktien investiert.


Auch bei den übrigen Anlageklassen ergaben sich im selben Zeitraum erhebliche Veränderungen:

- Die Verwerfungen bei alternativen Vermögenswerten (Hedgefonds, Rohstoffe, quantitative Strategien)
- Die erhebliche Ausweitung der Kreditspreads, die zu dem starken Rückgang der Werte von Unternehmensanleihen führte
- Der starke Rückgang der kurz- bis mittelfristigen Zinssätze
- Die Verwerfungen in den Swapmärkten

Die sinkenden Werte der Pensionsfonds wurden nur teilweise durch die reduzierten Verbindlichkeiten ausgeglichen – was zeigt, dass die Portfoliostrategien jetzt deckungsgleich sind. Die Renditen von Unternehmensanleihen entwickelten sich positiv, was sich auf die Unterfinanzierung der Pläne in den Bilanzen per Ende 2008 auswirkte. Ein großer Teil davon wurde jedoch in 2009 kompensiert, als sich die Aktienmärkte wieder erholten. Insgesamt bleibt das Ausmaß der Unterfinanzierung von Pensionsplänen hoch. In Ländern mit strikten Anforderungen an die Ausfinanzierung der Pläne (beispielsweise in UK, den USA und den Niederlanden) wird die zunehmende Unterfinanzierung von Pensionsplänen, gemessen an den Ausfinanzierungsgrundlagen, direkt zu höheren ungeplanten Nachschußbeiträgen („cash contributions“) seitens der Träger dieser Pensionspläne führen.

Rückgang der Liquidität innerhalb der Unternehmen

Die Finanzkrise 2007 - 2009 hat zu einer Zunahme der Kreditkosten geführt, Verbindlichkeiten sind für Unternehmen sehr teuer geworden. Dennoch brauchen sie Kapital, um ihre Geschäftstätigkeit auszubauen und ihre betriebliche Altersversorgung zu finanzieren.


Jeder unerwartete Liquiditätsbedarf für die betriebliche Altersversorgung kann sich wesentlich auf das Kerngeschäft der Unternehmen auswirken. Die meisten multinationalen Konzerne haben sich bemüht, unnötige Kosten zu senken und Zahlungsströme innerhalb von Regionen und Tochtergesellschaften weiter zu verknappen. Denn sowohl der absolute Betrag an erforderlicher Liquidität als auch die Möglichkeit unerwünschter Veränderungen können von Bedeutung sein. Dies ist einer der Gründe dafür, warum multinationale Unternehmen den Fragen ihrer betrieblichen Altersversorgung noch mehr Aufmerksamkeit widmen, und zwar insbesondere den lokalen Finanzierungsanforderungen.

Die Antwort eines multinationalen Konzerns

Wie sollten Sie angesichts der vier vorgenannten Gründe und den zunehmenden Sorgen unter multinationalen Unternehmen reagieren? Die globale Finanzkrise hat in den meisten Unternehmen – insbesondere in den multinationalen Konzernen - die Risikomanagement-Strukturen der Pensionspläne einer Bewährungsprobe ausgesetzt. In den Zentralen vieler multinationaler Konzerne hat man begriffen, dass man sich der Pensionspläne in den verschiedenen Ländern nicht ausreichend bewusst war – insbesondere was die Zusammensetzung der Anlageportfolien im Einzelnen anbetrifft. Oftmals fehlte der Zugang zu aktuellen Daten über die Wertentwicklung des Planvermögens und die Bedeutung des Pensionsrisikos auf globaler Ebene wurde übersehen. Daher wurden keine Maßnahmen zur Reduzierung des mit Pensionsplänen verbundenen Risikos („De-Risking“) ergriffen, als die Unternehmen sich dies am ehesten hätten leisten können. Beispielsweise fiel die durchschnittliche Ausfinanzierungsrate bei Pensionsplänen in UK auf der Grundlage nationaler Ausfinanzierungsgrundsätze zwischen März 2007 und März 2009 von 93% auf 70%. (1)


1. Konzernziele hinsichtlich Risiko und Rendite festlegen oder überprüfen.

Die Durchführung einer globalen Risikobewertung ist der erste Schritt zur Festlegung oder Überprüfung der Finanzziele des Konzerns. Die Bewertung globaler Pensionsrisiken besteht dabei aus der Quantifizierung des finanziellen Risikos für den Konzern aus den weltweit bestehenden Versorgungsplänen. Darüber hinaus wird analysiert, in welchen Ländern das höchste Risiko besteht und welches die Haupttreiber des Pensionsrisikos sind (Zinssätze, Inflation, Aktien und alternative Investments, Währungsrisiko und Langlebigkeitsrisiko). Sobald das aktuell bestehende Pensionsrisiko für den Konzern besser verstanden wird, stehen der Konzernzentrale die Daten zur Verfügung, um zu entscheiden, ob das bestehende Risiko für das Unternehmen akzeptabel ist oder ob und wo eine Reduzierung des mit den Pensionsplänen verbundenen Risikos umgesetzt werden sollte.

2. Einen Plan für lokale Veränderungen erstellen, um diese Ziele zu erfüllen.

Der nächste Schritt besteht darin, zu untersuchen, wie das globale Pensionsrisiko des Konzerns reduziert oder besser verteilt werden kann. Hierbei wird üblicherweise auf der Ebene des jeweiligen Landes beleuchtet, welche Schritte umgesetzt werden können. Anschließend werden eine Reihe lokaler Maßnahmen entwickelt, die die Erreichung der globalen Finanzziele unterstützen. Strategien zur Reduzierung des Pensionsrisikos kombinieren generell unterschiedliche Lösungsansätze in Bezug auf die Leistungsstruktur, Ausfinanzierung und Kapitalanlage. Dies könnte eine dynamische Strategie zur Reduzierung des Pensionsplanrisikos beinhalten, um sicherzustellen, dass der Konzern von Chancen im Markt profitiert. Üblicherweise dürfte dies die Überwachung des lokalen Ausfinanzierungsniveaus beinhalten, einen auf Richtlinien basierenden Ansatz, um im Markt erzielte Gewinne „festzuschreiben“, eine integrierte Absicherungsstrategie nach unten sowie Maßnahmen zur Minderung von Kursverlustpotenzialen bei Aktien (siehe dazu auch den weiterführenden Artikel MDDS: Neuer Mercer-Ansatz zur schrittweisen Erhöhung des Deckungsgrades von Pensionsplänen in UK)

3. Grenzüberschreitende Lösungen prüfen, um die Struktur zu vereinfachen und Kosten zu senken.

Die Steuerung des Pensionsrisikos in multinationalen Unternehmen kann sowohl von einer grenzüberschreitenden als auch einer geschäftsbereichsübergreifenden Koordination profitieren. Auf der Aktivseite können die Unternehmen Verwaltungskosten reduzieren, indem sie auf einen bevorzugten Anbieter (Vermögensverwalter und Depotbanken) zurückgreifen oder noch weiter gehen und einen einzigen globalen Treuhänder oder das Pooling von Vermögenswerten nutzen. Auf der Verpflichtungsseite sollten multinationale Konzerne beispielweise Captive Strategien in Erwägung ziehen. So können sie z.B.vermeiden, dass Überschüsse innerhalb der Pläne entstehen, die das Unternehmen nicht vereinnahmen kann.

4. Den Governance-Rahmen des Pensionsplans effizienter gestalten.

Globale Pensionsrisiken können nur effizient gesteuert werden, wenn die Unternehmensführung ausreichend Kontrolle über die vor Ort von den Pensionsplänen getroffenen Entscheidungen hat. Dies ist wiederum nur durch die Umsetzung eines strikten Governance-Rahmens für die betriebliche Altersversorgung zu erreichen. Das Thema Pensionsrisiko sollte daher bei der Unternehmensführung auf der Tagesordnung stehen.

5. Ein globales Kontrollsystem für Pensionsrisiken einrichten.

Pensionsrisiken sollten auf globaler Ebene überwacht werden, da sich die Risiken durch die zunehmende Reife der Pensionspläne und aufgrund von Veränderungen in den Anlagemärkten mit der Zeit ändern. Kontrollsysteme ermöglichen es multinationalen Unternehmen, die Auswirkungen der betrieblichen Altersversorgung auf die Konzernbilanz nachzuverfolgen und kurzfristig Einfluss auf lokale Entscheidungen zu nehmen - sei es durch Lösungen im Bereich der Passivseite (Pensionsverpflichtungen), bei der Ausfinanzierung oder der Kapitalanlage.

Nachdem sie aus der Finanzkrise gelernt haben, dürften sowohl Unternehmen als auch Vermögensverwalter zustimmen, dass ein Maßnahmenplan existieren sollte, um unmittelbar auf Entwicklungen oder extreme Ereignisse reagieren zu können. Eine vorbereitete Richtlinie ermöglicht es, Chancen zu nutzen und negative Risiken rasch zu begrenzen. Angesichts der Erholung der Finanzmärkte ist jetzt für multinationale Unternehmen der Zeitpunkt gekommen, die Mängel im Risikomanagement ihrer Pensionspläne zu beseitigen, die durch die Finanzkrise offengelegt wurden.

 

In der nächsten Ausgabe werden wir uns anhand von Beispielen eingehender mit lokalen Strategien und Überwachungssystemen beschäftigen.


Hinweis:

1. (Source: PPF/The Pensions Regulator)

 


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Über die Autorin


Isabelle Sfeir

Isabelle Sfeir

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Isabelle Sfeir ist Principal in der Financial Strategy Group (FSG) von Mercer in London und berät internationale Unternehmen  in Fragen des globalen Risikomanagements von Pensionsplänen. Sie war neun Jahre lang in Aktuargesellschaften tätig und verfügt über Erfahrung auf den Gebieten strategische Asset-Allokation und Pensionsverbindlichkeiten.